Dem Großhecht auf der Spur

Hechtangeln ist eine Leidenschaft, eine Lebenseinstellung. Christian Siegler weiß warum und nimmt Euch mit auf seinem Weg zu einem ganz besonderen Fisch.

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Hechtangeln ist pure Leidenschaft. Christian jagt seinen Traum

Was hat eigentlich ein Spiegelkarpfen mit einer Großhecht-Geschichte zu tun? Ganz einfach: Er brachte den Stein ins Rollen und mich auf die Spur eines gigantischen Räubers in einem kleinen Dorfteich. Doch beginnen wir am Anfang.
Mein Weg zum ersten Meterhecht war unglaublich steinig und mit vielen Enttäuschungen gepflastert. Ganze 18 Jahre musste ich warten, dabei war ich von Beginn an Spinnangler. Trips nach Holland, an die Müritz oder an schwedische Topgewässer verliefen alle ohne Meter-Mutti. Und irgendwann verlor ich die Lust an der Großhechtjagd. „Er wird schon noch kommen. Bestimmt, wenn ich gar nicht gezielt auf die Großen angele“, sagte ich mir. Bei den nächsten Touren trällerte ich immer die Textzeile des Ärzte-Songs „Lied vom Scheitern“: „Du bist immer dann am besten, wenn’s Dir eigentlich egal ist“. Denn es war mir mittlerweile egal. Und irgendwann kam er dann. Aber er fühlte sich gar nicht so spektakulär an. „Meter gefangen, abgehakt“, dachte ich damals nur. Mein inneres Feuer brannte nicht mehr für die Großhechte. „Jetzt fängst Du nach Jahren endlich Deinen Meter und es juckt Dich nicht mal?“ Was war los? Ausgebrannt? Plattgeangelt? Kein Spirit mehr? Keine Energie?

Einer fürs Ego
Klassisches Karpfenangeln war jetzt mein Ding. Ruhe genießen. Sitzen und auf den Bissanzeiger starren. Seele baumeln lassen. Ganz anders als die Großhechtjagd. Keine Bigbaits schmeißen, kein ewiges Gewandere als Spinnfischer an den Ufern großer Seen, keine Highend-Baitcaster-Angelei. Ganz normales Karpfenangeln. „Werde ich alt?“, schoss es mir da schon einige Male durch den Kopf, als ich an meinem kleinen Vereinsteich hockte und den Rüsslern beim Buckeln, den Enten beim Fressen und den Libellen beim Fliegen zusah. Irgendwie gruselig. Und insgeheim sehnte ich mich doch wieder nach etwas Abwechslung. Da glimmte etwas in mir. Ein Verlangen, eine Begierde nach einem großen, vor spitzen Zähnen starrenden Maul, welches sich auf den langsam geführten Jerkbait stürzt. Nur der Funke fehlte noch. Und genau dieser Funke war der Spiegelkarpfen vom Anfang der Geschichte. Kein großer Fisch. Vielleicht 15 Pfund schwer. Aber er hatte etwas, das mich in Aufregung versetzte. Eine riesige Bissspur auf seiner Flanke. „Was soll das denn für ein großer Hecht gewesen sein?", fragte ich mich. Hier, in diesem kleinen Teich? In „meinem“ Teich? Da war es wieder, das Feuer! Der ganze Karpfenkram flog in die Ecke und in den kommenden Tagen wurde aufgerüstet. Große Köder, riesige Köder! Jetzt geht’s los. Der Kapitale ausm Dorfteich, der muss es sein! Die Leidenschaft brannte wieder lichterloh und ich gab Vollgas am kleinen Tümpel. Manchmal lachte ich über mich selber, wenn ich ausgerüstet bis unter die Zähne mit völlig übertriebenen Angelgerät um das kleine Gewässer schlich. Aber das brauchte ich jetzt. Und ich brauchte diesen Fisch, diesen Monsterhecht. Fürs Ego, fürs Fangbuch, für die Seele. Egal wofür.

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Dieser Karpfen mit der Bissspur brachte Christian auf die Fährte eines echten Großhechtes

Vor der eigenen Tür
Doch am Ende dieser Angelsaison stand da nur das große Fragezeichen. Hechte fing ich, bis circa 80 Zentimeter. War das etwa das Ende der Fahnenstange? Viel Platz ist im Teich nicht, um sich als Hecht zu verstecken. Ich konnte mit einem guten Wurf locker die Seemitte erreichen und wirklich jeden Bereich des Gewässers beangeln. Doch der Große blieb ein Mysterium. Gibt es ihn wirklich, oder renne ich einem Geist hinterher? Hab ich echt ein gutes Jahr an dem Fisch vorbei geangelt? In dem winzigen Gewässer? Dieser Hecht ließ mich nicht mehr los und raubte mir einige Stunden Schlaf. War alles nur eine Phantasie? Weiß der Geier, woher der Karpfen diese Bissspuren hatte!

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Zäher Start! Die Hechte beißen, doch wo ist der Kapitale?

Die Erlösung kam dann im darauf folgenden Winter durch einen Telefonanruf eines Freundes. Er berichtete von einem großen Hecht, den er am Einlauf des kleinen Dorfteiches sah. „Das ist er, das ist mein Hecht“, wusste ich sofort. „Wie groß war er denn?“, fragte ich meinen Angelkumpel hoffnungsvoll. „Also so ne Maschine hab ich noch nie live gesehen“, antwortete er. Ok, das reichte mir. Er war es wirklich! Einige Tage später sah ich ihn selber und es stand fest: Kein Geist, kein Mysterium, sondern der fleischgewordene Traum eines jeden Großhechtjägers schwamm keine fünf Minuten von meinem Elternhaus entfernt in einem kleinen Dorfteich. Schon paradox, wenn ich über die letzten Jahre und meine Touren nachdachte.

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Denkpause. Der Winter hat das Gewässer und die Fische fest im Griff

Er ist noch da

Doch sehen und wissen heißt noch lange nicht fangen! Ich hielt es nie für möglich, in so einem kleinen Gewässer über einen längeren Zeitraum an Fischen komplett vorbei zu angeln, aber es war die Realität. Dieser schlaue, große Hecht war mit allen Wassern gewaschen und wusste sich vor mir zu verbergen. Das heizte mich nur noch mehr an. Ich wollte den brachialen Biss spüren, den Räuber mit einem clever geführten Kunstköder überlisten und die Rute während der Attacke in meinen Händen halten. Denn ich liebe Spinnangeln auf Hechte. Das war mir jetzt bewusster denn je. Schon komisch, was ein großer Zielfisch mit einem macht. Fast hatte ich die Hechtangelei abgehakt und jetzt das. Wieder voll infiziert! Mittlerweile ist es zweieinhalb Jahre her, dass ich den Karpfen mit den Bissspuren fing und so vom großen Hecht erfuhr. Erst vor Kurzem stand ich erneut am Teich. Diesmal sehr früh am Morgen. Langsam schlich ich ums Ufer, den Blick Richtung Seemitte. Den großen Hecht sah ich schon länger nicht mehr. Doch als ich eine Stelle unter einem Baum anpirschte, passierte es: Ein riesiger Schwall direkt vor meinen Füßen erschreckte mich zu Tode und ich erkannte nur noch eine große Schwanzflosse. Herzklopfen! Puls 180! Adrenalin! „Er ist da“, schoss es mir durch den Kopf. „Er ist wirklich noch da“. Schon am nächsten Morgen erwachte ich vor dem Wecker, den ich auf 6:00 Uhr stellte. Die Sonne schien bereits und ein herrlicher Sommertag kündigte sich an. Ohne Frühstück ging’s direkt ans Wasser. Diesmal allerdings entdeckte ich keinen Hecht. „Wieder mal eine Nullnummer“, dachte ich und schlich nach einer knappen Stunde enttäuscht zum Auto. Auf dem Weg dahin kam mir aber diese eine Stelle in den Kopf. „Die hab ich heute ausgelassen. Vielleicht kommt ja noch ein Halbstarker“. Also nochmal umdrehen und ab zum Spot. Dort angekommen, bemerkte ich, dass die ganze Wasseroberfläche mit gelblich-weißen Blütenpollen bedeckt war. Egal, ein Wurf noch.

Wie im Rausch
Vorsichtig pendelte ich den Gummifisch ins Wasser. „Nur mal hier am Schilf lang zupfen“, dachte ich. Der Köder bahnte sich seinen Weg unter dem Blütenstaub entlang, der sich nun auch in meiner Hauptschnur verfing. Die Luft roch frisch und der Himmel war wolkenlos. Noch ein bisschen müde kurbelte ich die letzten Meter Schnur auf die Rolle, mit den Gedanken schon am Frühstückstisch bei meiner Familie. Plötzlich, wie aus dem Nichts, gab es erneut einen Schwall direkt vor meinen Füßen. Ich wusste genau, wer das war! Und das Beste: Ich stand mit völlig krummer Rute am Ufer und die Schnur flog von der Rolle. „Heilige Sch…, das isser“, wusste ich sofort. Was da gerade am anderen Ende der Schnur kämpfte, beeindruckte mich und ließ mich völlig nervös am Ufer zurück. Der Fisch zog mit großer Kraft zu einer Wurzel und ich hielt ihn nur schwer davon ab. Als ich etwas mehr Druck aufbaute, schraubte sich mein Gegner zweimal komplett aus dem Wasser. Spätestens jetzt war ich mir sicher, das hier mein Großer kämpfte. Was für eine Maschine! Nun stand ich da am kleinen Dorfteich, rings um mich herum schlief noch alles und hier war gerade der Teufel los. Was für ein Feeling. Echt unbezahlbar. Als der Hecht schließlich über die Keschermaschen glitt, war das wie ein Rausch. Euphorie und Aufregung mischten sich mit Erleichterung und Glück. Genau deshalb machen wir das! Genau aus diesem Grund trieb es mich in den letzten 20 Jahren immer wieder ans Wasser. Wegen solcher Momente ist der Geldbeutel immer so dünn und die Rechnung im Angelladen immer so hoch! Das ist sie, die Leidenschaft Großhechtangeln.

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Granate nach fast drei Jahren. Mit 1,25 Metern und über 15 Kilo ein echter Traumfisch


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Der Gummifisch am Shallow-Rig brachte den Biss. Das Zwölf-Kilo-Stahlvorfach hielt den Belastungen zum Glück stand


Im zweiten Teil der Story geht es speziell um meine Top-Hechtköder. Diese stelle ich Euch dann kommende Woche vor. Bleibt dran!
 
Ich habe den Artikel schon in einer Zeitschrift gelesen ...
Ich habe ihn trotzdem sehr gerne nochmal gelesen ...
Ich würde mir öfter mal eine Zeitschrift kaufen oder mir sogar ein Abo zulegen, wenn häufiger so schöne Inhalte ganz ohne Werbung erscheinen würden.
 
Schöner Bericht. Adrenalin pur. Schon alleine beim mitlesen. thumbsup

Gruß Jason
Danke. Im zweiten Teil geht's dann eher um die Köder. DEr wird mit Sicherheit etwas emotionsloser, aber eben praxisorientierter...
Aber ich habe noch einen netten Artikel in petto, in dem ich solche kleinen Gewässer nochmal näher beleuchte und fast schon hoch leben lasse. Der geht wieder in diese Richtung. Der kommt sicher in den nächsten Wochen hier. Freu mich schon drauf ab87
 
Hallo,

Schön geschrieben. Hat echt Spaß gemacht zu lesen
dito

Wobei Sprüche wie Hechtangeln als Lebenseinstellung für meinen Geschmack schon an hart der Grenze zur Übertreibung sind.

Aber ich nehme dir die Leidenschaft und Begeisterung schon ab und im Gegensatz zu den Texten mancher Teamangler vermute ich da auch keine Hintergedanken. Mach ruhig weiter so.

Kleine Gewässer scheinen durchaus ind er Lage zu sein große Hechte zu produzieren. Bei Karpfen trifft das meiner Erfahrung eher weniger zu.

Mit großen Hechten aus kleinen Dorfteichen habe ich zwar keine Erfahrung, ich habe aber über einen Zeitraum von gut 30 Jahren in einem eher unscheinbaren Flüsschen von 8-10m Breite regelmäßig meine Großhechte gefangen. Längere hab ich bei meinen jährlichen Boddentouren in 15 Jahren auch nicht erwischt.

Leider sind meine Angelstellen dort mittlerweile den Baggern des Wasserwirtschaftsamtes zum Opfer gefallen.

Das hat mir dann den letzten Spaß am Hechtangeln geraubt.

Aber lesen tu ich zu dem Thema immer noch gern.

Freue mich schon auf die Fortsetzung.
 
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