Ich komme gar nicht aus dem Schwärmen raus

Dieses Thema im Forum "Angeln in Dänemark, Schweden und Finnland" wurde erstellt von Georg Baumann, 10. Mai 2019.

By Georg Baumann on 10. Mai 2019 um 10:22 Uhr
  1. Georg Baumann

    Georg Baumann Administrator Mitarbeiter

    Registriert seit:
    15. Februar 2018
    Beiträge:
    862
    Zustimmungen:
    547
    Ort:
    14612
    Seit über 15 Jahren organisiert Mathias Fuhrmann eine Gruppenreise an die schwedischen Schären bei Oskarshamn. Eine Woche fischen, grillen und mit Gleichgesinnten quatschen - herrlich. Ich war schon mehrere Male mit. Lokalmatador und Schärenkenner ist Holger Ruoß. Seit gut 25 Jahren angelt er hauptsächlich in den Schären. Seit 2004 lebt er sogar in Schweden. Ich hab ihn zu seinem Lieblingsrevier befragt.

    1 Aufmacher.JPG
    Holger kennt sich in den Schären extrem gut aus. Ohne diese Kenntnis ist man in dem Gewirr aus Inseln heillos verloren ...

    Georg: Seit wann angelst Du in Schweden?
    Holger: Zum ersten Mal war ich 1995 in Schweden und hab dort natürlich auch geangelt. Nachdem ich mich 1997 mit meinem Guidingunternehmen ”Fisch&Nature” selbständig gemacht habe, bin ich für spezielle Zielfischseminare regelmäßig in den Norden gereist. Mit der Zeit hat sich Schweden zum Hauptziel entwickelt. 2004 habe ich mich dann ganz dort niedergelassen und bin seit 2006 ein echter Schwede (mit doppelter Staatsbürgerschaft).

    Guidest Du auch heute noch hauptberuflich?
    Nein, inzwischen nicht mehr. Ich mache das noch hin und wieder für Freunde, aber meinen Lebensunterhalt verdiene ich inzwischen mit dem Verkauf von Mercedes-Benz Unimogs, um den Schweden einen Teil meiner Heimat näher zu bringen. Ich vermittle aber gerne gute Guides, denn natürlich kenne ich viele ehemalige Kollegen.

    2. Angeln mit Freunden.jpg
    Spaß pur: Der Vater fährt mit seinen beiden Söhnen regelmäßig nach Schweden zum Angeln


    Was fasziniert Dich so an dem Land?

    Die sagenhafte Natur mit viel, viel Wasser und viel Platz. Dort kann ich meine Batterien weit weg vom Alltagstrubel wieder aufladen. Eine fantastische Tierwelt mit Elch, Luchs, Auerhahn und sogar Bär und Wolf… Eine Natur, die mich sehr an die Landschaft in Kanada erinnert. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass wir nicht über den grossen Teich fliegen müssen, um sie zu erleben. Und dann natürlich die ausgezeichnete und sehr abwechslungsreiche Fischerei!


    Die Schären ziehen sich die ganze Ostküste Schwedens entlang. Wo werden die größten und wo die meisten Hechte gefangen?

    Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die durchschnittliche Anzahl der Fänge und auch die Fänge von Großhechten sind in den unterschiedlichen Revieren nicht konstant, sondern ändern sich in Perioden. Dies hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren wie Futterangebot, Erfolg des Laichgeschäfts, Bestandsdichte von Räubern wie Robben, Kormoranen und leider auch zweibeinigen Gierhälsen ab. Auch ein periodisch ansteigender Angeldruck kann dem einen oder anderen Revier etwas stärker zusetzen und die Fänge über einen gewissen Zeitraum durchaus beeinflussen (auch wenn sich das nach deutschen Maßstäben gemessen sehr in Grenzen hält). In den letzten Jahren sind vermehrt Fänge von größeren Hechten aus den Schären von Blekinge bei Karlskrona gemeldet worden und auch die Schären von St. Anna südlich von Nyköping produzierten gute Fänge.
    Da die Schären so weitläufig sind, habe ich selber an vielen Plätzen noch gar nicht geangelt und ich werde nur von meinem ”Angelnetzwerk” auf dem Laufenden gehalten.

    Um Euch eine Vorstellung von der Größe zu geben: Mein Revier, in dem ich hauptsächlich angle, sind die Schären bei Misterhult. Die erstrecken sich rund 100 Kilometer die Küste entlang! Eine ganz schön ordentliche Menge Wasser! Dort waren die Hechtfänge in den letzten Jahren etwas rückläufig, dafür hat das Revier aber mit einer wachsenden Anzahl von Barschfängen über 50 Zentimeter eine Spitzenposition in Schweden eingenommen. Ich würde sagen, dass die Chance auf den Fisch des Lebens jenseits der 1,20 Meter überall in den Schären jederzeit gegeben ist.
    3. Pause.JPG
    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Menne (r.) und Mathias gönnen sich zur Mittagspause eine Bockwurst


    Was ist denn Dein größter Hecht aus den Schären?

    Tja… ich versuche immer noch, die 15-Kilo-Marke zu knacken. Mein schwerster Hecht hatte 14,9 Kilo, ich war also schon nahe dran. Hier in Schweden zählt das Gewicht und nicht die Länge. Inzwischen messe ich die Hechte nur noch selten. Mein längster Schärenhecht war 122 Zentimeter. Der längste Räuber bei mir im Boot war ein 1,24 Meter langer Fisch mit 14,1 Kilo. Ihr seht, es gibt richtig große Hechte in den Schären, auch wenn die ganz Grossen vielleicht nicht ganz so häufig vorkommen wie etwa in den Bodden.

    Was war denn Dein schönster Angeltag in den Schären?
    Kann ich gar nicht sagen, denn jeder Tag in dem traumhaften Revier ist ein Erlebnis. Auch dann, wenn die Fische mal nicht so richtig wollen. Denn auch das kommt hier hin und wieder vor. Einen der erfolgreichsten Angeltage erlebte ich mit einem Praktikanten meiner Firma. Zusammen konnten wir in ein paar goldenen Stunden über 30 Hechte landen, wovon acht über einen Meter lang waren. Kein Fisch war kleiner als 70 Zentimeter. An diesem Tag gelang es mir, innerhalb von etwa 2,5 Stunden sieben Hechte über einen Meter zu landen und dazu noch viele schöne 80er und 90er. Die Anzahl ist schon sehr gut, aber in den Schären gar nicht so ungewöhnlich. Die fantastische Durchschnittsgröße ist dagegen schon herausragend.
    Aber der Erfolg eines Angeltages hängt ja nicht nur vom Fangen ab. Wenn beim Driftangeln plötzlich eine Elchkuh mit Kalb oder ein Reh am Boot vorbeischwimmen oder eine Robbe sich auf einem Felsen sonnt, sind das ganz besondere Momente. Ich komme bei den Schären gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus.

    4. Schärenbucht.JPG
    Flache Buchten wie diese bringen im Frühjahr oft richtig viele Hechte

    Was sind die besten Monate, um in den Schären auf Hecht zu angeln?

    Fangen kann man die Hechte in den Schären natürlich das ganze Jahr über. Allerdings sind in den letzten Jahren regionale Schongebiete eingerichtet worden, die das Angeln auf Hecht in einem begrenzten Zeitraum nicht zulassen. Bitte informiert Euch vorab, welche Regelungen in Eurem Zielgebiet gelten. Das ist von Region zu Region unterschiedlich.
    Wenn man sich mit der Fischerei auf Hecht in den Schären auskennt, bieten die Monate von April bis Mitte Juni (weiter nördlich etwas später) die besten Möglichkeiten auf ordentliche Fänge. Die Hechte sammeln sich für das Laichgeschäft an gewissen Stellen. Dann könnt Ihr auf der Fläche eines Fußballfeldes 30 Fische oder mehr fangen. Immer mit der Chance auf die Metermutti.
    Später im Jahr verteilen sich die Hechte dann auf eine weitaus größere Fläche und sind schwerer zu fangen. Persönlich gefällt mir das Angeln im Herbst von Oktober bis Dezember sehr gut, da stehen die Hechte so richtig im Saft und bieten spektakuläre Drills. Massenfänge sind dann aber eher die Ausnahme.



    Welche Strategie empfiehlst Du Schären-Neulingen? An welchen Stellen sollen sie wann angeln?

    Schären sind nicht gleich Schären. Die Struktur ist je nach Gebiet sehr unterschiedlich! In den Schären von Misterhult, wo ich die meiste Zeit verbringe, würde ich wie folgt angeln:

    April bis Mitte Juni: in flachen Buchten, nahe dem Festland, mit Wassertiefen zwischen 0,3 und 3 Metern, gerne mit der Öffnung der Bucht nach Südost und nach Möglichkeit mit einem Süßwasser Einlauf (Fluss, Bach, Graben).

    Mitte Juni bis Ende September: weiter draußen an der vorgelagerten Küste und an den Kanten von tieferen Kanälen. Außerdem an Unterwasserbergen und Riffen auf größeren offenen Flächen. Ich bevorzuge die Seite, auf die der Wind steht und somit mehr Futter und Sauerstoff vorhanden sind. Generell angle ich etwas tiefer als im Frühjahr.

    Oktober bis das das Eis kommt (Dezember/Januar): In dieser Zeit ist das Angeln nicht so einfach, kann aber richtig gute Fänge produzieren. Die Fische suchen nach wärmerem Wasser und stehen oft tiefer und im Freiwasser. Das gilt besonders für Großhechte. Je nach Strömung und Wind kann es aber auch passieren, dass wärmeres Wasser an einer Uferseite nach oben oder in eine flache Bucht gedrückt wird. Dann lassen sich die Fische oftmals überraschend flach fangen. Mein Tipp: Haltet die Temperaturanzeige von Eurem Echolot im Auge. Notfalls geht auch ein Thermometer.

    5. Köder.JPG
    Kleine, flache laufende Jerks und Gummis mit Köpfen bis 7 Gramm sind ein Muss

    Wie hat sich der Hechtbestand in den letzten Jahren entwickelt?

    Dazu kann ich keine generelle Aussage machen. In einigen Revieren waren die Fänge in den letzten Jahren besser, in anderen schlechter. Nach meiner Einschätzung waren die Gebiete in den Schären von Karlskrona etwas im Aufwind, während die Schären im Gebiet um Misterhult bei Oskarshamn eher etwas unterdurchschnittlich abschnitten.
    Wenn ich von unterdurchschnittlich spreche, ist das aber relativ. Meine Freunde vom Team Boddenangeln besuchen mich jedes Jahr im Frühling für zwei bis drei Wochen. In den letzten 15 Jahren fingen wir pro Woche und Guidingboot zwischen 200 und 350 Hechten. Natürlich waren auch Meterfische dabei, die Durchschnittsgröße lag aber bei etwa 70 Zentimetern. Die Jungs vom Team Boddenangeln kommen aber nicht nach Schweden, um einen Rekordhecht zu fangen, sondern um mit Freunden in der fantastischen Natur zu angeln. Hier können sie neue Köder und Methoden testen und müssen nicht fürchten, als Schneider vom Wasser zu gehen.
    Die Chance, meinen 15-Kilo-Hecht zu fangen, schätze ich bei Mathias an den Bodden viel höher ein als bei mir in Schweden. Dafür werde ich hier von einer grandiosen Natur und einer sehr abwechslungsreichen und erfolgreichen Fischerei verwöhnt. Und wer weiß, hinter jedem Stein kann die Monstermutti stecken.

    Georg Hecht.jpg
    Georg mit schönem Schärenhecht. Teilweise beißen die Fische auf Sicht!


    Die Schären
    Die Ostküste Schwedens sieht aus, als hätte Wotan beim Erschaffen der Welt mit Kieselsteinen um sich geworfen. Abertausende kleine Inselchen – die Schären – liegen vorm Festland. Mal komplett karg und einsam, mal bewachsen mit typisch roten Häuschen darauf. Sie entstanden in der letzten Eiszeit, als die Gletscher zurückgingen und die Felsen abschliffen. Ähnlich wie in unseren Bodden ist auch in den Schärengärten der Salzgehalt des Wassers so niedrig, dass sich Süßwasserfische dort pudelwohl fühlen. Brassen, Plötzen, richtig dicke Schleien und große Barsche ziehen dort ihre Bahnen. Der uneingeschränkte Herrscher ist der Hecht.


    Grob lassen sich an der Ostküste vier Schärengebiete unterscheiden: 1. ganz im Norden die Inseln im Bottnischen Meerbusen vor der Küstenstadt Luleå, 2. der Stockholmer Schärengarten, 3. das Gebiet vor Östergötland und 4. im Südosten der Schärengarten vor Oskarshamn und Västervik.


    Vorschriften: Das Angeln an der schwedischen Küste ist frei. Ihr braucht also keine Angelkarte und nicht mal einen Fischereischein. Es wird sehr gerne gesehen, dass auch maßige Hechte zurückgesetzt werden. Die Regelungen sind von Region zu Region unterschiedlich, bitte informiert Euch vor Ort. Häufig ist die Mitnahme auf maximal drei Hechte am Tag zwischen 40 und 75 Zentimetern beschränkt.

    6. Holger Ruoß.jpg

    Holger in seinem Revier. Hechte sind seine Leidenschaft



    IMG_0338.JPG
    Zwar fing Georg diesen Hecht vom Ufer. Aber die meisten Stellen erreicht man ohne Boot nicht
     

    Anhänge:

Kommentare

Dieses Thema im Forum "Angeln in Dänemark, Schweden und Finnland" wurde erstellt von Georg Baumann, 10. Mai 2019.

Diese Seite empfehlen

  1. Diese Seite verwendet Cookies, um Inhalte zu personalisieren, diese deiner Erfahrung anzupassen und dich nach der Registrierung angemeldet zu halten.
    Wenn du dich weiterhin auf dieser Seite aufhältst, akzeptierst du unseren Einsatz von Cookies.
    Information ausblenden