Was steckt in der Rute? – Teil 1

Dieses Thema im Forum "Basteln und Selbermachen" wurde erstellt von Timo.Keibel, 9. Juli 2019.

By Timo.Keibel on 9. Juli 2019 um 14:42 Uhr
  1. Timo.Keibel

    Timo.Keibel Moderator Mitarbeiter

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    1. Aufmacher IMG_0059.JPG
    Ein echter Rutenwald bietet viel Auswahl – worauf kommt es an?

    Habt Ihr Euch auch schon einmal gefragt, wie Angelruten hergestellt werden und worauf es beim Kauf genau ankommt? Heute und morgen gibt’s einen Zweiteiler zum Thema.
    Welche Rute passt optimal zu mir und meiner Angelei? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, da es so viele unterschiedliche Modelle gibt. Natürlich lässt sich die Auswahl durch Methode oder Fischart im Voraus einschränken, nichtsdestotrotz ist das Angebot immer noch riesig. Wir müssen uns durch einen Wald von unterschiedlichen Angaben und Marketingbezeichnungen der Hersteller kämpfen. Oder kennt Ihr etwa den Unterschied zwischen einem 20 K- und T800-Carbon-Blank? Solchen Fragen gehen wir in diesem Beitrag nach. Wir gehen sowohl auf die verschiedenen Ruten- und Ringarten, Rollenhalter, Blanks sowie Aktionen als auch Wurfgewichte und Testkurven ein. Am Ende des zweiten Teils geben wir Euch fünf Tipps für den nächsten Kauf einer neuen Rute mit auf den Weg.

    Worauf geht’s?
    Für jede Angel- und Fischart findet sich wenigstens eine passende Rute auf dem Markt. Den Fisch interessiert es zwar nicht, mit welcher er gefangen wird, trotzdem ist das breite Angebot nicht sinnlos. Bestimmte Angeln eignen sich für diese und jene Methode besser oder schlechter. Eine Brandungsrute am kleinen Forellenbach ist ebenso unpraktisch und ungeeignet wie eine kurze Ultraleichte zum Feedern auf Distanz.
    Es ist banal, aber im ersten Schritt müssen wir uns überlegen, auf was wir mit der Rute wo fischen wollen. Wenn wir etwa meist vom Boot mit Gummi auf Hecht angeln, kann die Rute ruhig kürzer ausfallen als beim Uferangeln.

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    Spinnruten vom Boot sind in der Regel kürzer als Modelle fürs Angeln vom Ufer

    Da helfen uns die Hersteller, die die Ruten schon eingeteilt haben. Grundsätzlich sind Ruten einer bestimmten Angelart zugeordnet. In der Regel unterscheiden wir folgende Sammelbegriffe, die sich in weitere Kategorien aufteilen: Friedfisch-, Forellen-, Raubfisch-, Karpfen-, Wels-, Meeresangeln und Fliegenfischen. Alleine für Friedfische finden wir mit Stipp-, Feeder-, Match-, Kopf-, Bolo- oder Specimen-Ruten gleich mehrere Ausführungen für eine Fischfamilie aber unterschiedliche Angelarten.

    Das Herzstück
    Als Blank bezeichnet man den Ruten-Rohling ohne Rollenhalter, Ringe und Lackierung. Heutzutage bestehen Blanks größtenteils aus Glas- oder Kohlefasern. Ausgangspunkt ist immer der sogenannte Prepreg (engl. preimpregnated) – eine Trägerfolie mit Materialfasern, welche mit Epoxidharz getränkt ist und unter Hitzeeinwirkung ihre Festigkeit erhält. Der Prepreg wird um einen Mandrel gewickelt. Das ist eine Stangenschablone aus Alu oder Stahl. Dieser Rohling wird anschließend mit Cellophanband am Mandrel befestigt. Im Anschluss daran wird der Mandrel samt Blank-Rohling im Ofen bei rund 120 Grad Celsius erhitzt.

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    So sieht das Abrollen des Cellophanbands aus. Bei günstigeren Ruten wird das Band oftmals nur abgekratzt (Foto: Ockert GmbH)

    Dort verflüssigt sich das Harz und verbindet die einzelnen Materialfasern miteinander. Eine gründliche Wicklung (Cellphanisierung) ist wichtig, sodass beim Aushärten („Backen“) kein Harz austritt und sich das Material nicht verformt. Im abgekühlten Zustand werden Mandrel und Blank getrennt sowie das Klebeband entfernt. Bis zur fertigen Rute durchläuft der Roh-Blank noch weitere Arbeitsschritte: Schleifen, Lackieren und Aufbauen.

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    Die feine Riffel auf dem Blank entstehen durch die Cellphanisierung

    Die Materialfrage
    Wann kommt welches Material zum Einsatz und welche Vor- und Nachteile bringt es mit sich? Glasfasern sind extrem biegefähig, weniger bruchanfällig und preiswerter, haben dafür aber auch ein höheres Gewicht und schlechtere Aufladeeigenschaften als Kohlefasern, was sich nachteilig beim Auswerfen auswirkt. Daher kommen sie eher dort zum Einsatz, wo kaum oder gar nicht geworfen wird. Zum Beispielbei bei schweren Großfisch- oder Big Game-Ruten. Teilweise bestehen letztgenannte sogar aus Vollglas-Blanks, welche eine höhere Stabilität besitzen.

    Der Großteil der Ruten ist heutzutage jedoch aus Kohlenstofffasern – auch bekannt als Carbon (engl.) – gefertigt. In diesem Zusammenhang begegnen uns zahlreiche Bezeichnungen der unterschiedlichen Carbon-Materialien und obendrein verlockende Marketingnamen der Angelindustrie. Nur welcher Otto Normalangler versteht auf Anhieb die ganzen Abkürzungen und Angaben?
    Als Carbon bezeichnet man kohlenstofffaserverstärkten Kunststoff, der zur Verstärkung mit einem Epoxidharz versehen ist. Carbon-Fasern sind äußerst leicht und zugfest, was sie für die Angelindustrie besonders interessant machen. Für die Blank-Herstellung nutzen die Hersteller die bereits erwähnten Prepregs, bei denen die Fasern in unausgehärtetem Epoxidharz getränkt sind, was zu einer besseren Qualität und gleichmäßigeren Verteilung des Klebstoffes führt. Eine einzelne Carbon-Faser besitzt einen Durchmesser von rund sieben Mikrometer (µm). Im Vergleich dazu misst eine Glasfaser 24, ein menschliches Haar sogar 50 bis 70 Mikrometer. Die einzelnen Fasern (englisch Filamente) werden zur Weiterverarbeitung zu Garnen gebündelt.
    In Bezug auf Carbon tritt in Werbetexten oft die Bezeichnung „K“ auf. Diese gibt an, dass 1.000 Faser zu einem Garn zusammengefasst sind. 20 K sind somit 20.000 Filamente in einem Garn. In der Angelindustrie liest man überdies häufig zum Beispiel die Bezeichnung „T800“. Die Angabe bezieht sich auf die firmeneigene Angabe des Carbon-Produzenten Toray mit Sitz in Japan. Die Zahl hinter dem „T“ ist letztlich eine eigene Materialklassifizierung, sagt aber ähnliches aus.
    Darüber hinaus sind Euch sicherlich schon mal Tonnenangaben von Ruten-Blanks begegnet. Anders als es sich auf den ersten Blick vermuten lässt, sagt diese Angabe allerdings nichts über die Eigenschaften des Blanks aus. Die Angabe bezieht sich auf die Menge an Kunstharz, welche im Prepreg – dem Ausgangsmaterial – vorhanden ist. Diese wird unter einem bestimmten Druck – also X Tonnen – in den Carbon-Verbundstoff gepresst.

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    Hochwertige Pole-Ruten wiegen für Ihre Länge verhältnismäßig wenig (Foto: Kai Chaluppa)

    Zusammenfassend gilt die Faustregel: Je höher die Zahl und der Pressdruck in Tonnen sind, umso mehr Filamente und weniger Epoxidharz sind im Carbon. So ein Blank ist leichter, schneller und gegebenenfalls auch steifer. Durch den geringen Harzanteil ist er allerdings auch deutlich bruchanfälliger und teurer. Solch hochwertige Blanks kommen zum Beispiel bei sogenannten Pole-Ruten fürs Stippen zum Einsatz. Trotz Längen von über zehn Metern bringen diese Ruten nur wenig Gewicht auf die Waage – hochwertige 13-Meter-Ruten wiegen zum Beispiel meist nur zwischen 700 und 1.000 Gramm. Dadurch können Stippprofis sie ohne große Kraftanstrengung Halten und Fischen. Diese Ruten kosten aber nicht selten mehrere tausend Euro.

    Im zweiten Teil widmen wir uns den Punkten Aktion,Testkurven und Wurfgewicht sowie der Ausstattung einer Rute.

    Worauf achtet Ihr beim Kauf einer neuen Rute?
     
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Kommentare

Dieses Thema im Forum "Basteln und Selbermachen" wurde erstellt von Timo.Keibel, 9. Juli 2019.

    1. Andal
      Andal
      Ich habe seit Jahren schon eingestellt, zu lesen was über die Rute geschrieben, auf ihr geschrieben steht. Ich sehe mir das Trumm an und dann entscheide ich für mich ganz alleine, was ich wohl damit machen könnte, möchte, sollte u.s.w. Es ist mir dann ziemlich einerlei, ob meine Rapfenspinnrute dann den Schriftzug "Meerforelle" trägt, oder die Barbenrute eigentlich für Wolfsbarsche gefertigt wurde. Und lieber mal auf ein, zwei Rutenkäufe verzichten und eine ganz nach eigenen Vorstellungen bauen zu lassen. Da weiss man, was man hat!

      Für einen Einsteiger ist das natürlich schwer, wenn nicht gar zu viel des Guten. Er wird von Texten, der Auswahl und vermeintlichen Lobpreisungen förmlich erschlagen, wenn er den Rutenkauf ohne einen ehrlichen und fairen Verkäufer, oder mit einem solchen Mentor tätigt. Was da teilweise den noch sehr unwissenden Kerlen und Kerlinnen angedreht wird, spottet leider oft jeder Beschreibung - im wahrsten Sinne des Wortes.

      Aber jeder Versuch ehrt den Verfasser, hier etwas Licht ins Dunkel zu bringen!
    2. Kochtopf
      Kochtopf
      Ganz profan achte ich darauf, dass die Rute zu meiner Angelei passt. ;) eine Bolo sollte schnell und nicht zu schwer sein, eine Avon sollte von Drennan kommen und eine Twintip zum ledschern haben, ist die Heavy Feeder noch gefühlvoll oder schon vierkantholz und ist die Spinnrute billig... etc.pp., die Carbongüteklassen etc. Interessieren mich nicht mal am Rande, aber ich habe mir geschworen, keine Ruten mit peinlichen Namen wie "Carp Gangster" zu kaufen - nur um mir das Ansitzwunder zu kaufen.
      Nu ja, wer ohne Sünde ist...
      In letzter Instanz muss mir noch die Optik in den Kram passen und sie muss bezahlbar sein.
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    3. Andal
      Andal
      Du hast die Haptik vergessen. Was nützt die tollste Rute, wenn sie der Hand nicht schmeichelt?
    4. Kochtopf
      Kochtopf
      Ach Andal ich grobschlächtiger Geselle spüre eh nur heiß kalt nass ^^

      Aber stimmt schon, ich habe Ruten die ich ungern Fische weil sie sich einfach nicht schön und wertig anfühlen
      Tricast gefällt das.
    5. Andal
      Andal
      Genau das meine ich. Es muss sich das gewisse gute Gefühl aufbauen und das ist absolut unabhängig vom Skill.
      Timo.Keibel und Tricast gefällt das.

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